Mittelbayerische Zeitung - Ausgabe Montag, 7. Juni 2004

Mit "Learny" wird man fit für den Alltag
"Bayernweit einmaliges Modellprojekt in Wernberg bietet Bildung für Lernbehinderte
Von Christina Röttenbacher, MZ


WERNBERG. Das Lern-Programm von Marion Dietrich und Heidi Dirmeier,
den Gründerinnen von „Know-How sozial e.V." in Wernberg, präsentiert sich einprägsam.
Ein Bücherwurm mit Doktorhut und das kleine Piktogramm- Männchen „Learny" werben
für ein qualifiziertes Angebot, Menschen mit Lernschwierigkeiten an die Anforderungen
des Alltags und Berufslebens heranzuführen.
Lernen gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen, von denen Mitmenschen mit
geistiger oder psychischer Behinderung nicht ausgeschlossen werden dürfen.
Hervorgegangen ist das Projekt aus den seit 1996 errichteten Bildungsangeboten der
Dr. Loew‘schen Einrichtungen, die schon bald den räumlichen Rahmen sprengten. Im
Februar 2002 fasste die frühere Grundschullehrerin und Fachpädagogin für Erwachsen-
enbildung für Menschen mit Behinderung, Marion Dietrich, den Entschluss, extern von
der Loew‘schen Einrichtung eigene berufsbildende Schulungen und Freizeitkurse für
Menschen mit Lernbehinderung anzubieten. „Wir haben im Oktober letzten Jahres mit
20 Stunden angefangen, heute bieten wir in der Woche 35 Kurse, die vom Erlernen der
Grundrechenarten, des Lesens und Schreibens bis zu Freizeitkursen, Gesundheitsauf-
klärung und Lebensfragen gehen". Unterstützt wird Marion Dietrich von der Erzieherin
Heidi Dirmeier und zahlreichen erfahrenen Referenten. Bislang kämen die Kursteil-
nehmer aus den Werkstätten der Dr. Loew‘schen Einrichtungen. Mit der Volkshochschule
Weiden hat „Learny" einen weiteren Kooperationspartner gefunden. Mit ihm zusammen
sollen Lernbehinderte, die nicht in Einrichtungen gefördert werden, an Alltagsaufgaben
und Berufsförderung herangeführt werden, „Unsere Teilnehmer kommen freiwillig und
gerne", ist sich Marion Dietrich sicher.
Vormittags finden berufsbildende Schulungen statt. „Unser Kursangebot überfordert nicht
und wir gehen individuell auf jeden Teilnehmer ein, es gibt keine „Schulnoten" und
Zeugnisse". Der Unterricht läuft praxisnah und alltagsbezogen ab. Leser- und Schreiben
lernen um selbständig einzukaufen oder ein Bankformular auszufüllen zu können. Die
Grundrechenarten erlernen um einen Zollstock lesen und die Anzahl der Paletten abzu-
zählen. Ein erstes, gutes Beispiel für den Erfolg der Bildungsmaßnahmen ist das von
Lernbehinderten geführte Musik Cafe „ B/ 14" in Weinberg, das zu einem kulturellen Muss
avanciert ist. Hier werden die Gäste von Menschen mit Lernbehinderung bekocht und
bedient, sie rechnen die Kasse ab und lesen die Speisekarte vor. Marion Dietrich sieht
sich in ihrer bayernweit einmaligen Schulungseinnichtung bestätigt. Auch wenn die Arbeit
viel Einfühlungsvermögen, Geduld und Liebe erfordert, „wenn einer nach einem Jahr zehn
Wörter gelernt hat, hat sich der Kurs schon gelohnt. Denn auch kleine Schritte führen zum
Ziel".


Pauken bei .‚Know How sozial e.v. -
Foto: Röttenbacher